Ich dachte auch mal,
die 23 wären 23 Jahre
Als ich den Zacapa das erste Mal im Glas hatte, stand für mich fest: Das ist ein 23 Jahre alter Rum, und deswegen schmeckt er so. Beides war halb falsch. Er schmeckt einfach fantastisch — 4 von 5 hat er bei mir bekommen, die Textur allein ist es wert. Aber 23 Jahre alt ist er nicht.
Das ist keine Enttäuschung, wenn man weiß, was die Zahl wirklich sagt. Es ist nur eine andere Information, als die meisten Leute im Regal lesen.
Wie Solera funktioniert,
in vier Sätzen
Stell dir eine Pyramide aus Fässern vor. Unten liegt die älteste Reihe — die heißt Solera, daher der Name. Abgefüllt wird immer nur aus dieser untersten Reihe, und immer nur ein Teil; das Fass wird nie leer. Was fehlt, kommt aus der Reihe darüber nach, und ganz oben läuft frisches Destillat rein.
Das Ergebnis: Im Fass ganz unten ist immer noch ein Rest vom Rum von vor zwanzig Jahren — aber eben nur ein Rest. Jede Abfüllung enthält Anteile aus vielen Jahrgängen, und keiner kann sagen, wie viel wovon.
Genau das ist der Punkt. Solera ist kein Trick, sondern ein Verfahren, das gleichmäßige Qualität erzeugt. Was es nicht kann: ein Alter angeben.
Die 23 ist eine Obergrenze,
kein Durchschnitt
Die 23 auf dem Zacapa ist das älteste Fass im System. Sie sagt nichts darüber, wie alt der Rum im Schnitt ist.
Whisky.de formuliert es nüchtern: Der Zacapa ist „eine Kombination aus Zuckerrohr Rums, die zwischen 6 und 23 Jahren nach dem Solera Prinzip reiften“. Sechs bis dreiundzwanzig. Und weil das Fass nie leer wird, ist der Anteil des wirklich alten Rums klein.
Ein Vergleich zum Merken: Wenn du in einen Topf Suppe von gestern immer wieder frische nachfüllst, ist irgendwo noch ein Löffel von letzter Woche drin. Du würdest die Suppe trotzdem nicht „eine Woche alt“ nennen.
Warum „años“ vom Etikett
verschwunden ist
Hier wird es interessant, und zwar rechtlich. In der EU gilt für Spirituosen eine klare Regel:
„In der Bezeichnung, Aufmachung oder Kennzeichnung einer Spirituose darf eine Reifezeit oder Alterungsdauer nur angegeben werden, wenn sich diese auf den jüngsten alkoholischen Bestandteil der Spirituose bezieht.“ Verordnung (EU) 2019/787, Artikel 13 Absatz 6
Der jüngste. Nicht der älteste, nicht der Durchschnitt. Wenn im Blend etwas Sechsjähriges steckt, wäre die ehrliche Zahl eine 6.
Und jetzt der Teil, den ich beim Nachlesen selbst nicht erwartet hätte: Der Gesetzgeber kennt das Solera-Problem. In Erwägungsgrund 15 derselben Verordnung steht, dass es eine Ausnahme geben soll für Getränke, die „mithilfe des traditionellen dynamischen Alterungsverfahrens, auch als „criaderas y solera“ … bezeichnet“ hergestellt werden.
Diese Ausnahme gilt für Brandy. Rum ist nicht gemeint.
Was daraus folgt, überlasse ich dir. Ich stelle nur zwei Sachen nebeneinander: Diese Regel gibt es. Und der Rum, der früher „Ron Zacapa Centenario 23 años“ hieß, heißt beim Hersteller heute „Zacapa No. 23 Centenario“. Aus „años“ wurde „No.“. Die Rum Company schreibt dazu, die Bezeichnung sei „vom Begriff „Sistema Solera“ auf dem Etikett abgelöst [worden], um Missverständnisse zu vermeiden“.
Wie du es am Etikett
erkennst
Es ist einfacher, als es klingt. Du musst nur wissen, welche Wörter Alter behaupten und welche ein Verfahren beschreiben.
„Solera“ · „Sistema Solera“ · „Solera Gran Reserva“ · „No. 23“ · „bis zu X Jahre“
„12 Jahre“ · „12 años“ · „12 Years Old“ — ohne Solera-Zusatz, und im Zweifel mit dem Wörtchen „min.“ dahinter
Ein „No.“ vor der Zahl ist übrigens das ehrlichste Signal, das es gibt. Es sagt: Das hier ist ein Name, keine Messung.
Fünf Rums,
die ich verkostet habe
Ich habe in meine eigenen Verkostungsnotizen geschaut, und der Unterschied steht dort längst — man muss ihn nur nebeneinanderlegen.
| Rum | Was auf dem Etikett steht | Was das heißt |
|---|---|---|
| Ron Zacapa 23 | Solera Gran Reserva | Keine Altersangabe. 6 bis 23 Jahre im Blend. |
| Diplomático Reserva Exclusiva | „bis zu 12 Jahre“ | Obergrenze. Ehrlich formuliert, aber kein Alter. |
| Appleton Estate 12 | „12 Jahre (min.)“ | Echte Altersangabe. Der jüngste Tropfen ist zwölf. |
| El Dorado 12 | „12 Jahre“ | Echte Altersangabe. |
| Flor de Caña 12 | „12 Jahre“, ohne Zuckerzusatz | Echte Altersangabe. |
Der Kontrast, auf den es ankommt, ist der zwischen dem Zacapa und dem Appleton. Beide sind gute Rums. Aber beim Appleton weißt du, was du kaufst — und beim Zacapa kaufst du ein Verfahren.
Ein ehrlicher Grenzfall: Beim Havana Club 7 Años sind sich nicht mal die Quellen einig. Havana Club selbst sagt, die 7 beziehe sich auf den jüngsten Tropfen — dann wäre es eine saubere Altersangabe. Andere beschreiben dasselbe kontinuierliche Nachfüllen wie bei Solera und sagen, eine genaue Zahl sei damit gar nicht möglich. Ich habe ihn als 7 Jahre gelistet und lasse das so stehen, bis ich es besser weiß. Wo ich unsicher bin, schreibe ich das lieber hin, als es glattzubügeln.
Heißt das jetzt,
Solera-Rum ist Betrug?
Nein. Und das ist mir wichtig, weil dieser Text sonst falsch ankommt.
Das Solera-Verfahren macht guten Rum. Es ist mehrere Jahrhunderte alt, es kommt aus dem Sherry-Bau, und es tut genau das, wofür es gedacht ist: Es erzeugt Jahr für Jahr denselben Charakter. Der Zacapa ist eines der besten Textur-Erlebnisse, die ich hatte. Daran ändert sich durch keine Verordnung etwas.
Was ich kritisch sehe, ist nicht das Verfahren, sondern die Zahl im Regal. Eine 23 auf einer Flasche liest sich für die meisten Menschen als 23 Jahre, und der Preis liest sich mit. Wer dann erfährt, dass der Durchschnitt viel jünger ist, fühlt sich veräppelt — und das nicht vom Rum, sondern vom Marketing.
Mein Rat ist deshalb ganz unspektakulär: Kauf den Rum, nicht die Zahl. Wenn er dir schmeckt, ist er sein Geld wert. Und wenn du Alter suchst, dann nimm einen, der es hinschreibt.